Sonntag, 3. Januar 2021

 Hey - bin ich dabei, die Beziehung meiner Eltern zu ihren Eltern zu kopieren?

Als die Eltern meines Vaters gestorben sind, war es ihm egal. Er hatte spätestens seit meiner Geburt keinen Kontakt mehr zu ihnen. Da war er 3,5 Jahre älter als ich jetzt. Das ist nicht so viel.

Und ich kann jetzt schon sehen, dass es darauf hinauslaufen wird. Ich weiß schon länger, wenn ich ein Kind habe, wird es meinen Vater nie kennenlernen. Das klingt so hart, aber mein zukünftiges Kind - auch wenn es das sicher nicht in 3,5 Jahren geben wird - muss von mir beschützt werden. Und wie könnte ich jemanden, der schon mir so viel angetan hat, Kontakt zu meinem zukünftigen Kind haben lassen.

Und meine Mutter.. ich weiß es nicht. Sie hatte wohl keine gute Beziehung zu ihrer Mutter. Ihr Vater brachte sich um, als sie noch ein Kind war. Ich glaube, meine Mutter ist sehr stark beschädigt worden und konnte sich nie davon erholen. Leider konnte sie mich nie beschützen. Im Gegenteil, auch sie hat mich unter andere Menschen gestellt. Menschen, von denen sie abhängig war, ist.. ich bin weniger wichtig. Und ich glaube sie nimmt mir übel, dass ich mich weigere, jemals abhängig zu sein.

Das ist so ein starker Charakterzug von mir. Ich muss unabhängig sein. Nicht ich will. Ich muss.


Und ich bin allein.. ganz allein. Aber wer wäre darauf vorbereitet wenn nicht ich. Es macht mich traurig und es macht, dass ich mich minderwertig fühle. 

Sie würden mich nicht abweisen, wenn ich zu ihnen kommen würde, ich bin auch sicher, dass sie mich lieben. Aber ich will mit dieser Familie nichts zu tun haben. Ich will davon frei sein. 

Die Therapeutin sagt, dass ich meine Gefühle abspalte, aus meinem anderen Leben. Aber was soll ich sonst tun? Bin ich dabei, auch meine Familie abzuspalten?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie nicht liebe. Das ist schlimm, oder? Oder vielleicht kann ich keine Gefühle zu ihnen zulassen. Zu viele Enttäuschungen.

Ich wünsche mir nur, angenommen und akzeptiert zu werden. Eine Familie zu haben, die mir sagt, dass ich meinen Weg gehe und das toll ist.

Aber das tun sie ja auch.

Nur, sie sind mir zuwider. Ich bin womöglich schon zu weit weg und selbst schuld. Ich habe mich selbst in diese Lage gebracht, huh?


Ein paar Jahre lang sah es so aus, als könnte das alles in friedlicher Koexistenz enden. Ich glaube nicht.

Ich dachte, meine Mutter sei stolz auf mich, aber ich glaube, sie hat mich abgeschrieben. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft wir im letzten halben Jahr Kontakt hatten. Sie redet nicht mehr mit mir. Und wenn sie nicht mit mir redet, gehe ich nicht auf sie zu. Mein Vergeben ist fragil. Vielleicht nehme ich es zurück.

Mein Vater ist schon seit 9 Jahren nicht mehr mein Vater. Jedes Gefühl, das ich je für ihn hatte, ist schon so lange zu Eis geworden. Nie wieder habe ich ihm gesagt, ich hätte ihn lieb. Auch nicht, wenn er es mir sagte. Ich hoffe, das ist ihm bewusst, aber ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass er weiß, dass ich nicht mehr sein Kind bin. Obwohl er es selbst so wollte. Obwohl er mich verstoßen hat - was für ein dramatisches Wort, aber das war es. Er hat mich zu "nicht mehr sein Kind" erklärt und das ist nun so. Ich hoffe, er wünscht sich, das nie getan zu haben. Aber ich glaube er merkt es nicht einmal. Er ist ein immens kluger und sehr, sehr dummer Mann. Mit einem sehr kleinen Leben. Er tut mir leid. Was für eine traurige Existenz. Die so viel Schaden angerichtet hat und Leben zerstört. Ich hoffe, er erlebt irgendwann eine Epiphanie, in der ihm das klar wird. Aber das wird er nicht. So ein dummer Mensch. Mit so einem kleinen Horizont.

Werde ich jetzt auch keine Mutter mehr haben?

Ich bin mir sehr sicher, dass ihr das klar ist. Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Bin ich wieder undankbar? So wie ich immer undankbar war? Sie hat mich nicht einmal gefragt, was mit mir los ist. Ich sie auch nicht. Es ist wohl sehr egoistisch zu denken, sie würden mir etwas schulden. Das tun sie nicht, denke ich. Ich wünschte nur, ich hätte Eltern. So wie andere Leute Eltern haben. Eltern, die sich um sie kümmern und die immer wieder auf sie zugehen, weil sie ihre Kinder lieben. Ich will doch nur Eltern haben, von denen ich weiß, dass sie alles für mich geradebiegen. Die ein Sicherheitsnetz sind. Die wissen wollen, wer ich bin. Meine Eltern wissen NICHTS über mich. Sie wissen nicht, wie mein Charakter ist, was mich beschäftigt, wer meine Freunde sind. Mein Vater weiß nicht einmal, dass ich seit fast einem Jahr einen Freund habe. Das geht ihn nichts an. Sie wissen nicht, dass ich über Philosophie nachdenke, dass ich ein eigener Mensch bin. Sie wissen nicht, dass ich ein Netz an Menschen habe, die ich kenne. Sie wissen nicht, wie ich meine Tage verbringe oder dass ich Depressionen habe. Sie wissen nicht, dass die Angststörung mich quält und lähmt. Sie wissen nicht, dass ich mit der Therapeutin über sie spreche. Sie verstehen nicht, dass meine Kindheit problematischer war, als ich es je wusste. Sie wissen nicht, dass sie mich nie mich selbst sein lassen haben. Sie wissen nicht, dass ich nicht an mich selbst glaube, weil sie mir nie gesagt haben, dass ich das könnte. Sie wissen nicht, dass sie jedes Selbstvertrauen in mir zerstört haben, weil sie mir immer sagten, dass ich ein Versager sei. Sie wissen nicht, dass ich ihnen noch immer glaube. Dass ich noch immer glaube, dass ich eines Tages abrutschen werde. Dass ich als Fixerin in der Gosse landen werde, wie mein Vater es mir prophezeit hat, als ich 12 oder so war. Oder 14. Ich weiß nicht mehr. Ich war ein stilles Kind und es ist klar, warum. Ich glaube noch immer nicht an mich selbst, denn nie gab mir jemand das Gefühl, genug zu sein. Und wenn man es mir heute sagt, kann ich es nicht glauben. Ich kann meinem Freund nicht glauben, wenn er mir sagt, dass er mich für großartig hält. Oder meiner besten Freundin, wenn sie mir sagt, dass sie meine innere Stärke bewundert. Oder der Therapeutin, wenn sie sagt, dass ich stark bin, weil ich mich selbst aus allem rausgezogen habe. Oder meinen Arbeitskollegen, wenn sie mir sagen, dass ich einen guten Job mache. Ich warte auf den Moment, an dem sie rausfinden, dass ich nichts bin.

Ich halte mich selbst für nichts und ich weiß nicht, wie ich da rauskommen soll. Und ich hasse es, dass das alles immer wieder auf meine Eltern zurückführt. Ich will nicht, dass ihr so viel Einfluss auf mich habt, auch nachdem ich euch verstoßen habe. Ihr habt kein Recht dazu! Ihr seid nicht, was mich definiert!