Es ist an der Zeit.
Es ist einfach soweit. Die Beziehung ist am Ende - ausgelebt, ausgebrannt. Ich schreibe dies vollkommen emotionslos.
Ich weiß nicht, liegt es an mir? Liegt es an ihm? Liegt es an beiden, liegt es an den Umständen?
Es war eine wunderschöne Zeit, er hat mir aus dem Loch geholfen, er hat mich dazu gebracht, mein Leben wieder zu schätzen und ich bin ihm so dankbar dafür. Er hat mich hierhergebracht. Ohne ihn wäre mein Leben vollkommen anders verlaufen und wahrscheinlich schon länger zu Ende. Ich wäre kein selbstbewusster und eigenständiger Mensch geworden.
Ich habe so an ihm gehangen. Er war mein einziger Lebensinhalt. Ich vermisse diese tiefe Liebe zu ihm und auch die emotionale Abhängigkeit - denn ich war mir sicher, ihn zu brauchen. Er sagte zu mir, mich ebenso zu brauchen, und er meinte, er würde mich nie gehen lassen. Doch das ist Vergangenheit. Ich bin ihm egal geworden. Er ist mir egal geworden.
Ist es normal, dass Gefühle so verblassen und verschwinden oder liegt es daran, dass wir beide sozial ein wenig abnormal sind? Wir stehen an zwei Enden einer Linie, wie er sagte, wir sind zwei Extreme, und die Mitte wäre Normalität.
Wir waren unzertrennlich. Ich wünsche es mir zurück, ich will wieder gebraucht und geliebt werden, doch ich glaube, dass er sich auch verändert hat; nicht nur ich.
Ich möchte ihn wieder in jeder Minute vermissen, die ich nicht bei ihm bin, stattdessen wünsche ich mir in seiner Gegenwart, möglichst weit weg zu sein.
Manchmal hasse ich seine Art.
Es ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Beziehung ist zu einer Farce geworden. Wir sehen uns nur am Wochenende. Höchstens. Und das, obwohl wir nur 10min auseinander wohnen.
Wieso sagt er nichts? Er muss das doch auch wissen. Aber er redet doch sowieso nicht mehr mit mir. Oder kaum noch.
Oder liegt es daran, dass er Angst davor hat, unsere miteinander verwobenen Leben zu trennen, so wie ich auch? Ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn ich keinen einzigen Freund mehr hier habe. Ich möchte einen Zufluchtsort haben. Und seine Familie. Ich werde seine Familie vermissen.
So viele Leute werden enttäuscht sein, wir waren doch das 'Traumpaar', das einfach immer zusammengehalten hat.
Ich weiß noch, wie er bei mir war, als ich hierherkam. Er war für mich da. Rückblickend betrachtet, war er ein vollkommen anderer Mensch. Aber das war ich auch.
Als wir zusammenkamen, sagte er, dass er Angst hätte, diese Beziehung könnte unsere Freundschaft zerstören. Er hatte Recht. Ich glaube nicht, dass wir noch befreundet sein können. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Erschöpfte Potenziale.
Er hat mich in den Armen gehalten, als ich geweint habe. So oft. Er hat meine Wunden und Narben betrachtet und sich Sorgen gemacht, furchtbare Sorgen. Er hat wegen mir geweint. Er hat alle meine Stimmungsschwankungen ertragen und alle Ausraster. Und am Ende hat er mich immer wieder dazu gebracht, in seinen Armen zu liegen.
Ich will das alles nicht vergessen. Es soll nicht Vergangenheit sein. Aber ich hänge mehr an den Erinnerungen an den, der er war und an die, die ich war. An die, die wir waren. Mehr daran als an ihm. Und doch bin ich froh, dass das Vergangenheit ist. Ich kann endlich für mich selbst stehen. Ich kann ihm nicht mehr die Rolle als Stütze meines Lebens einräumen, ich stütze mich nun selbst.
Liegt es daran, dass ich nun erwachsen werde?
Ich benehme mich seit einiger Zeit nicht mehr, als wäre ich in einer Beziehung. Ich fühle mich auch nicht mehr so. Ich bin vogelfrei. Oder ich wäre es gern. Und ich glaube, dass er mich ebenso als einen Klotz am Bein betrachtet. Oder als einen Vogel, der davongeflogen ist. So oder so, er hat mich aufgegeben. Ich weiß es. Und ich habe ihn aufgegeben. Und doch muss ich nun weinen, wenn es daran geht, es endgültig zu beenden. Ich weiß, dass ich nur um der Veränderung Willen weine, ich komme mit solchen nicht klar. Und noch kann ich sie vermeiden, noch kann ich alles einfach weiterlaufen lassen. Einfach, weil ich nicht mehr weiß, wie es ist, allein zu sein.
Doch es geht nicht mehr um ihn. Es geht um die Zeit, die Erinnerungen, die Liebe, die ich loslasse. Ich will all das nicht verlieren.
Aber es ist nicht fair, ihn um der Zeit Willen zu halten, die wir hatten. Und ich will es auch nicht. Es belastet mich. Nur ist der Teil von mir, der sich nicht ändern kann, der sich nicht verändern will, der alte Teil, das vergangene Ich noch da - und zwar zu sehr. Es hindert mich daran, loszulassen und meine Freiheit zu suchen.
Doch ich muss ihn und die Zeit mit ihm endlich loslassen. Ich hätte das schon viel früher tun sollen. Ich hätte schon lange begreifen müssen, dass es nicht ewig sein kann, auch, wenn es sich so anfühlte.
Unsere Wege müssen sich endlich trennen.
Irgendwo ist es traurig. Doch wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Ich lasse ihn los und damit alles, was war. Ich lasse endlich mein altes Ich los. Meine alte Existenz. Und damit meine Jugend. Ich weiß, das klingt nicht richtig aus dem Mund einer 17-Jährigen, doch ich bin desillusioniert. Es ist die Zeit, sich zu stellen. Es ist einfach an der Zeit.